Innere Kritiker – vom Selbstzweifel zur inneren Stärke – die Energie des Kritikers zurückgewinnen

Heute möchte ich einen Ansatz vorstellen, der vielleicht etwas überraschend klingt. Was wäre, wenn wir die Energie des Kritikers nicht bekämpfen, sondern uns zu eigen machen?

Das ist einer der Grundsätze, die die Prozessarbeit für mich so besonders machen. Denn während andere therapeutische Methoden darauf abzielen, negative innere Stimmen zu beruhigen oder zu verändern, geht die Prozessarbeit noch einen Schritt weiter. Sie fragt: Was steckt eigentlich in dieser Energie? Und wie kann ich sie für mich nutzen?

Die Energie gehört uns, wir haben nur den Kontakt zu ihr verloren

Innere Kritiker wirken oft mächtig, laut und überwältigend. Sie stehen da mit Autorität und sagen uns, was wir nicht können, nicht sind, nicht verdienen. Manchmal klingen sie vielleicht sanft, aber sind dennoch so mächtig, dass wir es nicht wagen ihnen zu widersprechen oder sie überhaupt wahrzunehmen. Aber woher kommt diese Energie eigentlich?

Die Energie, die ein innerer Kritiker hat, ist im Grunde unsere Eigene. Es sind Qualitäten wie Stärke, Wille, Klarheit, Selbstverständlichkeit, mit denen wir uns aus verschiedenen Gründen nicht (mehr) identifizieren. Vielleicht wurde uns früh vermittelt, dass wir nicht zu laut, zu fordernd, zu selbstbewusst sein sollen. Vielleicht hat die Gesellschaft uns beigebracht oder vorgelebt, bestimmte Qualitäten zu verstecken. Und so wandern diese Qualitäten in den Bereich des Kritikers, der sie dann gegen uns verwendet.

Wie das in der Praxis aussehen kann

Stell dir eine Situation vor in der ein innerer Kritiker bemerkbar wird. Vielleicht gibt es auch eine äußere Person, jemanden mit mehr Autorität oder strukturellem Rang, durch deren Filter du die Kritik wahrnimmst. Du fühlst dich klein, unsicher, blockiert.

Mit ein bisschen Distanz, kannst du die Kritik von aussen Beobachten.  Nicht als Feind, sondern mit Neugier. Wie steht diese Figur da? Welche Haltung hat sie? Mit welcher Stimme spricht sie? Was genau ist es, das sie so mächtig macht?

Und dann, der entscheidende Schritt in der Prozessarbeit, kannst du die Seite wechseln. Du kannst dich in diese Haltung hineinfühlen, in die Rolle des Kritikers Schlüpfen. Nicht um selbst zum Kritiker zu werden, sondern um die Energie zu spüren. Diese Stärke, diese Klarheit, dieses Selbstbewusstsein. Das bin auch ich! 

Ein Beispiel: In einem Gespräch mit meiner Supervisorin sagte sie zu meiner Vorbereitung eines Vortrags: „Gute Idee es persönlich zu machen, aber vergiss nicht die Theorie dazu.“ Was ich ausserdem innerlich hörte: „Das ist total unprofessionell. Wenn du meinst mit persönlichen Geschichten bis zum Diplom zu kommen bist du hier falsch… “ Mir war bewusst, dass sie das nicht gesagt und sehr wahrscheinlich auch nicht gemeint hatte, aber ich wurde total unsicher. Die Kritiker haben die Tür gefunden und weit aufgestoßen.

Hier geht es darum zu erkennen, das in dieser Situation sehr starke innere Kritik aktiv ist. Wieder ist der nächste Schritt anzuerkennen wie schmerzhaft das ist. Aber dann ist es auch möglich, hilfreich und wichtig, die Kraft zu mir zurück zu nehmen. Ich konnte wahrnehmen, wie diese innere Figur dasteht – aufrecht, bestimmt, mit einer klaren Stimme. Ein gutes Gefühl!

zum Ausprobieren

Denke an einen inneren Kritiker, der dir vertraut ist und versuche die Figur zu sehen oder zu hören – die Haltung, die Stimme, die Mimik. Nimm selbst diese Position ein. Spiele mit Stimme und Haltung.  Denke nicht über den Inhalt nach – nimm dich in dieser Haltung wahr. 

Wie ist das? Sicher, stark, präsent? Bleib einen Moment dabei. Spüre nach, wie sich das anfühlt. Das ist deine Energie! 

Ist das unheimlich? Macht es Freude? Klappt es schon ganz gut oder ein bisschen? Schreib mir davon, wenn du magst. Ich freu mich deine Erfahrungen oder Fragen zu lesen! 

Alles liebe 🧡 

Isabell

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