Ein Mäuseabenteuer

Die Hausmaus, die nicht wusste, dass sie fliegen wollte

Es war einmal eine müde, traurige Hausmaus. Eigentlich betrachtete sie sich als Küchenmaus, aber sowas gibt es ja eigentlich nicht, oder?

Sie empfand ihr ganzes Leben als eine sich ewig wiederholende Kreisbahn, nicht sehr groß und nicht sehr weit. Futter finden, der Katze entkommen, das war es, was ihre Tage bestimmte.

Aber es gab auch eine Sehnsucht… wobei sie das zu dem Zeitpunkt, an dem unsere Geschichte beginnt, noch nicht, oder nicht mehr, wusste. In erster Linie war sie zunehmend trauriger geworden. Als sie jünger war, hatte sie sich ausgemalt, die ganze Welt zu entdecken und interessante Wesen und Welten kennenzulernen… ja, sie wollte eine Entdeckermaus sein. Kein Abenteuer wäre ihr zu groß oder zu gefährlich geworden, kein Berg zu wild, kein Ozean zu tief. Sie war sicher, das alles würde kommen, wenn sie denn mal groß wäre und genug könnte und wüsste um aufzubrechen. Bisher ist nichts davon eingetroffen, fand die Küchenmaus.

An einem kühlen Nachmittag im späten Frühling – sie war gerade aus der kleinen Lücke zwischen Backofen und Heizung hervorgekommen und schnupperte nach den Gerüchen des Tages, um festzustellen, was es zu finden gab und wie groß die Gefahr war – kam plötzlich wieder diese große Traurigkeit in ihr auf. Ihr Blick ging nach links, Richtung Fenster. Am Himmel zogen, durch den Fensterausschnitt, nur in einem spitzen Dreieck sichtbar, wilde Wolken vorbei, dunkelgrau, zerrissenes Weiß und kräftiges Blau faserten ineinander und auch ein Sonnenstrahl brach durch die Fensterscheibe und kitzelte die Maus an der Nase. Sie nieste und schüttelte sich. Doch als sie sich wieder ihrem eigentlichen Vorhaben, der Nahrungssuche, widmen wollte, merkte sie, dass sich etwas verändert hatte. Die Traurigkeit war einem kribbeligem Gefühl gewichen, das sie ganz und gar nicht einordnen konnte. Sie schaute sich vorsichtig um in der Befürchtung, die Katze könnte sich angeschlichen haben und säße jetzt schon gefräßig und listig über ihr, aber da war niemand. Nur sie selbst in der leeren Küche. Sie sah noch einmal zu dem Fensterausschnitt und ihr Herz hüpfte. Was war das? Sie wunderte sich. Etwas zog sie zum Fenster und ohne sich an eine Entscheidung oder ein klares Vorhaben zu erinnern, fand sich die Küchenmaus mit beiden Pfoten am Fenster, die Nase schon platt an der kühlen Scheibe, mit einem so kribbeligen und ja, war das ein freudiges? Gefühl oben auf dem Fensterbrett und schaute hypnotisiert den Wolken bei ihrem wilden Tanz über den Himmel zu.

Die Maus begann tatsächlich zu träumen, man stelle sich vor, am lichten Tag! Aber sie merkte es nicht einmal. Denn sie war schon hoch oben in den Wolken.

Sie spürte den Wind an ihren großen Ohren ziehen und konnte in dem kleinen, für eine Maus dann aber doch recht großen, Flugzeug nur gerade so den gefährlichsten Böen ausweichen. Ihr Ziel war Südpatatien. Dort gab es Vulkane und Urwald und Wüsten. Dort wollte sie hin. Urplötzlich wurde sie von einer so heftigen Böe erfasst, dass es sie aus dem Flugzeug hob. Sie spürte schon die Hitze des Vulkans, als ihr klar wurde, dass dieser einen äußerst unangenehmen Schwefelgeruch ausströmte… der eigentlich gar nicht nach Schwefel, sondern verdächtig nach Katzenatem roch!

Sie zappelte an der langen Kralle des getigerten Katers, der sich schon das Mäulchen leckte und mit seinen Katzenaugen ein klein wenig schielend, die vor seiner Nase baumelnde Maus fixierte.

Sie nahm all ihre Kraft und ihren Mut zusammen, denn ein Teil von ihr war ja noch mitten im Abenteuer, und rief so laut sie konnte: „Lass mich runter! Ich habe hier Wichtigeres zu tun, als mich von dir fressen zu lassen!“ Die Katze, zwar ein wenig überrascht von dem ungewöhnlichen Moment, fragte gedehnt: „Was denn, kleine Maus? Was solltest du zu tun haben, außer fressen und gefressen werden?“ Die Maus, alle Müdigkeit war verflogen, rief: „Ich bin auf dem Weg zu den Vulkanbergen im fernen Südpatatien zu den uralten Mäusevölkern, die dort eine alte und wunderbare Kultur pflegen. Seit Jahrhunderten hat sie niemand mehr gesehen, aber sie sind es, die ich finden will!“ Die Katz, verdutzt, starrte das Mäuschen skeptisch an, überlegte und warf sie nach oben, um noch ein wenig mit ihr zu spielen, bevor sie sie, wie immer, entkommen lassen würde. Denn sie würde das Mäuschen und ihre tägliche Jagd furchtbar missen, wenn sie es fressen würde. Und sie glaubte keine Sekunde, dass die kleine Hausmaus auf ein Abenteuer in einer fernen Gegend der Welt aus war.

Unsere Maus, wieder einmal im Angesicht des Todes, drehte sich blitzschnell in der Luft herum, um wenigstens noch ein letztes Mal den Himmel zu sehen. Der Schwung brachte sie allerdings in eine Schräglage, so dass sie, für die Katze und sich selbst völlig überraschend, durch die Luft wirbelte, um schließlich auf allen Vieren vor den Pfoten des Getigerten zu landen und pfeilschnell unter dem Katzenbauch zurück in ihr sicheres Mauseloch zu flitzen.

Ein paar Mäuselängen vom Eingang entfernt im Höhlengang blieb sie zitternd vor Aufregung und Adrenalin stehen, drehte sich um, schüttelte sich und machte sich auf den Rückweg in ihre Schlafkammer, die die Katze sicher nicht finden würde.

Für diesen Tag war ihr der Appetit vergangen. Sie kuschelte sich in ihren Bau, unter weiches trockenes Moos und zwischen flauschige Federn und Teppichhaare, und schlummerte ein bisschen hungrig und auch irgendwie zufrieden ein. Sie hatte einen wilden Traum gehabt und dem Kater war sie nicht nur entwischt, obwohl es diesmal wirklich knapp gewesen war, sondern hatte ihm sogar Widerworte gegeben.

Zerzaust und benommen wachte sie am nächsten Morgen auf und wusste gar nicht so recht, wo sie war. Sie zwinkerte mit den Augen, wackelte mit dem schnurrbärtigen Schnäutzchen und schüttelte den Kopf, dass ihre großen, weichen Ohren schlackerten. Dann wusste sie es wieder. Sie hatte einen Traum gehabt. Sie war unterwegs nach Südpatatien gewesen und die Katze hatte sie aufgehalten…. Moment – war das der Traum gewesen? Sie hatte doch die Vulkane und das alte Mäusevolk gesehen, oder nicht?

Sie machte sich an ihre Morgenroutine und kletterte dann Richtung Küche. Dort spitzte sie mit ihrem Näschen nach draußen. Die Luft war rein. Sie tippelte zum Vorratsschrank, fraß vor lauter Hunger schon direkt dort zwei ganze Kekse, was sie normalerweise nie tat, da das deutlich zu gefährlich war und fing an, alle Leckereien, die sie erreichen konnte, in ihren kleinen Mäusebeutel zu verstauen. Ihr müsst wissen, sie war tatsächlich keine normale Hausmaus, so wie wir sie hier vielleicht kennen. Nein, sie war mit einem Beutel ausgestattet. Einem Beutel am Bauch. 

Sie packte ihr Beutelchen so voll wie es nur ging. Dann machte sie sich auf den Rückweg zu ihrer Höhle. Sie wollte die nächsten Tage ihre Ruhe haben und dem ollen Kater nicht mehr begegnen.

In ihrer Höhle angekommen, bemerkte sie etwas Ungewöhnliches. Es roch anders. Das passierte zwar manchmal, sehr selten allerdings und auch erst seit Kurzem, aber immer dann, wenn etwas durch das kleine Loch hoch oben im alten Baumstumpf fiel, der wie ein alter Hüter über ihrer Höhle thronte. Einst war er ein prächtiger Baum gewesen, bis er zu nah an die Hauswand des Menschenhauses gerückt war, jenes Haus, das ihr Sicherheit, Zuflucht und Futter gewährte. Der Baum wurde gefällt und seither gibt es den Stumpf.

Plötzlich hörte sie etwas, ihre Ohren strafften sich, was war das? Sie rief: „Komm raus!“ und zu ihrer eigenen, größten Überraschung stand im nächsten Moment tatsächlich ein kleines Wesen vor ihr. Es hatte, wie sie, vier Pfoten und zwei Ohren, aber es war kleiner als sie und hatte eine so ungewöhnliche Farbe, dass sie es kaum fassen konnte. Es war ein komplett blau behaartes Wesen, mit runder Schnauze und eckigen Ohren, nicht runden wie ihren eigenen. Beide schnupperten, beide wackelten mit den Ohren, blinzelten und bevor unsere Beutelmaus etwas sagen konnte, sprach der kleine Eindringling: „Du bist die Beutelmaus und du musst mir helfen. Oder sollte ich dir helfen? Wir müssen jedenfalls noch heute aufbrechen. Es ist ungemein wichtig! Wir müssen aufbrechen zu den Vulkanen nach Südpatatien!“ Träume ich noch?, dachte die Küchenmaus. Sie schüttelte nochmal den Kopf und kniff die Augen diesmal fester zusammen, aber als sie sie wieder öffnete, stand die kleine, blaue Maus noch immer vor ihr.

Sie dachte sich, der Einfachheit halber, es sei eine Maus, auch wenn sie eigentlich kein bisschen wie eine normale Maus roch oder aussah. „Was sagst du da? Woher weißt du von Südpatatien und warum willst du dort hin?“ fragte sie entgeistert. „Naja, ich habe dort Verwandte und sie brauchen unsere Hilfe.“ entgegnete das blaue Wesen trocken. „Und wie soll ich dir da helfen?“ „Na, du kannst doch fliegen. Laufen kann man dorthin nicht, dafür ist es viel zu weit. Los, los! Wir müssen schnell sein!“ versuchte die kleine blaue Maus sie zu scheuchen. „Aber wie soll das denn gehen? Wie kommst du darauf, dass ich fliegen könnte? Und warum hast du es so eilig?“ bremste sie die Beutelmaus. „Aber weißt du denn nicht, was du für eine Maus bist? Du bist doch eine Beutelmaus! Dein Beutel ist voll gepackt bis oben hin, bereit für die Reise!“ „Ja, eine Beutelmaus bin ich und von den Mäusevölkern in Südpatatien habe ich geträumt und würde nichts lieber tun, als sie zu besuchen und sie kennenzulernen. Auch die fliegenden Wolken liebe ich über alles, aber weder kann ich fliegen, noch möchte ich mein Zuhause verlassen!“ rief das Beutelmäuschen erschrocken. „Na, das wollen wir doch mal sehen.“ Versetzte die Blaue. „Ich hab dich gestern doch durchs Fenster gesehen, wie du der Katze vor der Nase davongeflogen bist! Komm mit, wir klettern auf dein Dach, dann wirst du es schon sehen.“ Sie drehte sich kichernd um und winkte unserer Hausmaus, ihr zu folgen. Diese blieb stocksteif stehen, dann schüttelte sie sich und folgte, ein bisschen über sich selbst verwundert, der Blaumaus, wie sie sie inzwischen für sich nannte, nach oben. Auf dem „Dach“ angekommen, dem drei Meter hohen Stumpf, bekam die Hausmaus es kurz doch nochmal mit der Angst zu tun. Für so kleine Mäuse ist das eine schwindelerregende Höhe. „So, Beutelmaus. Jetzt strecke mal deine Arme weit nach außen und atme ein. Genau! Machs mir nach. Dann halt die Luft an, mach den Mund und die Nase zu. Jetzt ausatmen, aber ohne auszuatmen, drück die Luft in deine Seiten. Und voilà! Da sind deine Flügel. Erzähl mir nicht, das wusstest du nicht!“ „Und erzähl mir nicht, du könntest nicht fliegen.“ Die Beutelmaus stand mit ausgebreiteten Armen da, schaute an sich hinunter, drehte sich nach rechts und links – sie hatte zwischen Vorder- und Hinterbeinen Flügel aufgespannt. Wie konnte das sein? War sie gestern wirklich geflogen? Da wurde ihr bewusst, was als nächstes kommen würde. Und prompt – ein Schubs von hinten – und die Beutelmaus flog. Erst mal einen halben Meter in die Tiefe und dann, als hätte sie nie etwas anderes getan, spannte sie ihre Flügel und segelte ein Stück, bis sie von einer kleinen Wehe ergriffen und schnell ein, zwei Meter nach oben getragen wurde. Es war fantastisch und furchteinflößend zugleich! Sie wendete den Kopf, um den Baumstumpf und die Blaumaus zu sehen. Diese sprang jubelnd auf und ab und winkte ihr zu. Es war viel einfacher als sie es sich je erträumt hätte, wäre sie auf so eine absurde Idee gekommen. Mit dem Drehen ihres Kopfes folgte ihr Körper und sie musste nicht denken oder steuern, sondern nur schauen, wo sie hinwollte, und dahin flog sie dann auch. Nach zwei Runden um den Stumpf setzte sie zur Landung an und kullerte einmal quer über die abgesägte Fläche, bis sie gerade noch an der Kante zum Liegen kam. Gut, dass der Beutel ein bisschen mit Käse gepolstert war.

„So, dann können wir ja gleich los!“ rief die Blaumaus und wollte ihrer überrumpelten Artgenossin auf den Rücken springen, als diese, noch ganz benommen von der ungeschickten Landung, zur Seite torkelte und die Blaumaus geradewegs über die Kante sprang. Vor lauter Schreck schaute die Beutelmaus ihr einen Moment verwundert nach, bis sie merkte, dass sie keine Wahl hatte, wenn sie sie nicht gleich, platt wie einen Haferkeks, vom Waldboden sammeln wollte. Und damit sprang unsere ängstliche und sicherheitsbedürftige Hausmaus zum zweiten Mal an diesem Vormittag in den Abgrund und pflückte ihre neue Freundin, gerade noch rechtzeitig vor einem unschönen Aufprall mit dem Waldboden, aus der Luft. Die beiden segelten hoch hinauf in die Baumkronen und es war das beste Gefühl, das die Beutelmaus je gehabt hatte.

Es war keine Frage. Sie würden nicht mehr umkehren. Sie würden weiterfliegen und Südpatatien und ihre Geschwister unterm Vulkan finden. Was war es eigentlich, warum sie da so dringend hin mussten? Dachte die Beutelmaus, die jetzt eigentlich eine Flugmaus war, und wollte ihre Passagierin fragen, die jedoch schlummerte schon gemütlich zwischen Käse und Zwieback.

Innere Kritiker – vom Selbstzweifel zur inneren Stärke – Innere Verbündete

Innere Verbündete – wenn wir uns selbst zur Seite stehen

Hey, schön, dass Du da bist!

In den letzten beiden Beiträgen habe ich beschrieben, wie wir innere Kritiker bemerken und Distanz zu ihnen gewinnen können. Heute möchte ich über etwas sprechen, das mir besonders am Herzen liegt: innere Verbündete. Und darüber, warum sie vor allem dann so wichtig sind, wenn die Kritik tiefer geht, wenn sie nicht nur eine Handlung betrifft, sondern uns als ganze Person.

Wenn Kritik größer ist als ein einzelner Moment

Es gibt innere Kritik, die sich auf konkrete Situationen bezieht. Ich mache einen Fehler bei der Arbeit und denke: „Wie unprofessionell.“ Das tut kurz weh, aber es geht vorbei. Dann gibt es eine andere Art von Kritik, eine, die schwerer wiegt und hartnäckiger ist. Diese Art von Kritik hat oft eine Quelle, die weit über das Persönliche hinausgeht.

In der Prozessarbeit verstehen wir innere Kritiker als Anteile, die wir von außen verinnerlicht haben. Und das betrifft uns alle. Denn jede Gesellschaft definiert, was erwünscht ist und was nicht. Stärke ist erwünscht, Schwäche nicht. Erfolg ist erwünscht, Scheitern nicht. Unabhängigkeit ist erwünscht, Bedürftigkeit nicht. Diese Botschaften nehmen wir auf, lange bevor wir überhaupt darüber nachdenken könnten und beginnen, die „unerwünschten“ Anteile in uns selbst auszugrenzen. Genauso, wie die Gesellschaft sie ausgrenzt.

Das bedeutet: Die innere Kritik, die ich gegenüber mir selbst empfinde, ist kein persönliches Versagen. Sie ist ein Echo von dem, was im Außen über bestimmte menschliche Qualitäten gesagt wird. Ich grenze in mir aus, was die Gesellschaft ausgrenzt und tue das meist völlig unbewusst.

Besonders schmerzhaft wird es, wenn ich einer Gruppe angehöre, die gesellschaftlich zusätzlich abgewertet wird. Dann wirkt diese Ausgrenzung doppelt. Von außen und von innen. Ich als Frau habe zum Beispiel vor gar nicht langem verstanden, dass ich von Sexismus betroffen bin. Ich hatte gedacht, das hat nicht wirklich mit mir zu tun. Aber das hat es. Still, im Hintergrund, in Schamgefühlen, in Momenten des Zweifelns an mir selbst. Das ist keine persönliche Schwäche. Es ist die Folge von dem, was von Anfang an von außen auf uns einwirkt. Und es ist wichtig zu sich klar zu machen, „Das ist nicht mein Fehler“. 

Innere Verbündete als Gegenkraft

Genau hier kommen innere Verbündete ins Spiel. Ein innerer Verbündeter ist eine Figur – real oder fiktiv – die für Werte steht, die der inneren Kritik widersprechen oder die mir einfach gut tut. Sie stellt sich zwischen mich und den Kritiker. Sie erinnert mich daran, wer ich bin, jenseits der Abwertung.

Für mich ist das in bestimmten Momenten Pippi Langstrumpf. Sie macht ihr ganz eigenes Ding, ist stark, vergleicht sich nicht mit anderen und braucht keine Erlaubnis von irgendjemandem. Wenn ich in so einem Moment der Scham an sie denke – manchmal reicht allein das Bild – verändert sich etwas in mir. Ich spüre wieder Stolz auf meinen Weg, statt mich innerlich kleinzumachen.

Ein innerer Verbündeter kann vieles sein: eine Figur aus der Kindheit, eine Person aus dem eigenen Leben, jemand aus der Öffentlichkeit, ein Tier, ein Symbol oder ein Kuscheltier. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Was zählt, ist das Gefühl, die Qualität, die diese Figur in mir weckt. Stärke, Würde, Wärme, Mut, Verspieltheit, was auch immer gerade gebraucht wird. Je mehr Verbündete, desto besser 🙂 

Was du ausprobieren kannst

Gibt es eine Figur in deinem Leben, aus Büchern, Filmen, Märchen oder der Wirklichkeit, die etwas verkörpert, das du dir in schwierigen Momenten wünschst? Jemanden, der dich innerlich aufrichtet?

Ruf dir diese Figur ins Bewusstsein. Wie würde sie dastehen? Was würde sie sagen? Was würde sich in dir verändern, wenn du sie an deiner Seite weißt?

Und das nächste Mal, wenn du die inneren Kritiker bemerkst, hol dir deine Verbündeten an die Seite. Je öfter wir sie rufen, desto eher werden sie bewusster Teil unseres Lebens. Als Gegengewicht zur selbstverständlichen Kritik. 

Viel Freude beim Kennenlernen deiner inneren Freunde! 😊

Bis bald

Isabell

Im nächsten Beitrag geht es um eine weitere Möglichkeit im Umgang mit inneren Kritikern: die Energie des Kritikers für sich selbst zurückzugewinnen und was das bedeutet.

Innere Kritiker – vom Selbstzweifel zur inneren Stärke – Wer spricht da?

Den Kritiker sichtbar machen – Distanz durch Bewusstheit

Im ersten Beitrag habe ich geschrieben, wie wichtig es ist, innere Kritik  zu bemerken und mit einem innerlichen „Autsch!“ anzuerkennen, dass da gerade etwas wehtut. Heute geht es darum, den inneren Kritiker greifbarer zu machen und und dadurch ein Stück mehr Freiheit zu gewinnen. 

Signale wahrnehmen – in verschiedenen Kanälen

In der Prozessarbeit arbeiten wir mit Signalen. Das sind sinnesbasierte, wahrnehmbare Zeichen, dass in uns gerade etwas passiert. Sie tauchen in verschiedenen Sinnes-Kanälen auf.

Manche Menschen hören eine innere Stimme, die kommentiert, bewertet oder antreibt. Das ist der auditive Kanal. Dort sind Kritiker oft am lautesten. Andere spüren eher etwas im Körper: Eine plötzliche Schwere, Benommenheit, Unruhe oder Müdigkeit. Das sind Signale im körperlichen oder propriozeptiven Kanal und meist eine Reaktion auf Kritik, die wir noch nicht bewusst wahrnehmen. Und manchmal nehmen Kritiker eher visuell wahr, als Bild oder Figur.

Keiner dieser Kanäle ist besser als die anderen. Es geht darum, zu bemerken, auf welchem Weg sich die Kritik meldet. Denn wenn ich weiß, wie meine Kritiker kommunizieren, kann ich sie schneller erkennen und und früher reagieren.

Den Kritiker aus dem Nebel holen

Oft ist das Schwierigste an innerer Kritik, dass sie sich anfühlt wie Wirklichkeit. Die Gedanken sind nicht klar als „Kritik“ erkennbar, sie sind einfach da und vermischen sich mit unserem Erleben. Wir fühlen uns schlecht und wissen gar nicht genau warum. Der Teil, der kritisiert wird, und der Teil, der kritisiert, sind ineinander verwoben. Und genau das macht es so erschöpfend.

Ich erinnere mich an eine Zugreise, auf der ich mich zunehmend elend gefühlt habe. Die Gedanken kreisten, ich war gedämpft und unruhig – und ich wusste nicht wirklich, was los war. Zum Glück hatte ich Stift und Notizbuch dabei. Ich fing an aufzuschreiben, was die Stimmen sagten. Sätze wie: „Setz dich doch einfach weg, wenn dich was stört – oder schaffst du das nicht?“ Oder: „Jetzt ist das Seminar gerade rum und du hängst schon wieder so durch. Das wird ja nie besser.“

Sobald diese Sätze auf dem Papier standen, war etwas passiert. Der dämpfende Schleier hob sich. Ich konnte plötzlich sehen: Da ist grade ein Anteil aktiv der ziemlich unfreundlich zu mir ist. Ich konnte Mitgefühl mit mir haben. Und ich fühlte mich leichter.

Schreiben, zeichnen, benennen

Das Aufschreiben ist eine einfache, aber wirkungsvolle Methode. Wenn die innere Stimme Worte benutzt, schreib sie auf, so wie sie klingen und ohne sie zu interpretieren. Manchmal ist es erschreckend, wie hart diese Sätze sind, wenn man sie schwarz auf weiß vor sich sieht. Und genau dadurch schaffst du dir Raum das zu merken und bewusster zu reagieren. 

Wer eher visuell denkt oder fühlt, kann den Kritiker auch zeichnen. Wie sieht er aus? Wie steht er da? Welchen Ausdruck hat er oder sie? Es muss kein Kunstwerk sein, sonder eine schnelle Skizze für Dich reicht völlig. Manchmal entsteht dabei sogar ein leises Schmunzeln, weil der Kritiker auf einmal greifbar und vielleicht sogar ein bisschen absurd wirkt. 

Das Ziel ist in beiden Fällen dasselbe: Distanz schaffen. Nicht um die Kritik wegzumachen oder zu ignorieren, sondern um aus der Verschmelzung herauszukommen. Um wieder zwei Seiten sehen zu können, die Kritisierte und die Kritisierende. 

Was du ausprobieren kannst

Wenn du das nächste Mal merkst, dass du dich unwohl, gedämpft oder innerlich unruhig fühlst, nimm dir einen Stift und schreib auf, was die Stimme sagt. Genau so, wie du sie hörst. Lies es dann durch, als wärst du eine gute Freundin oder ein guter Freund, dem jemand diese Sätze sagt. Was würdest du denken? Was würdest du fühlen? Und wenn du eher der visuelle Typ bist, zeichne das innere Ungeheuer 😉

Oft reicht das schon, um den ersten Schritt aus der Kritik heraus zu machen und wieder mehr bei sich anzukommen.

Ich freu mich, dass Du hier bist!

Viele Grüße

Isabell

Innere Kritiker – vom Selbstzweifel zur inneren Stärke – Den Schmerz anerkennen „Autsch!“

Jeder Mensch hat innere Kritiker. Das ist keine Schwäche – es ist schlicht menschlich. Manche Menschen bemerken sie deutlich, andere spüren sie eher als diffuses Unbehagen, ohne genau zu wissen, woher es kommt. In diesem Blogbeitrag möchte ich dir vorstellen, wie wir aus der Perspektive der Prozessarbeit mit innerer Kritik umgehen können – und warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen.

Was sind innere Kritiker eigentlich?

Innere Kritiker sind eigene innere Anteile. Sie entstehen durch das, was wir im Laufe unseres Lebens von außen aufnehmen: gesellschaftliche Normen, Werte, Erwartungen – aber auch ganz persönliche Erlebnisse aus Familie, Schule oder Beziehungen. Was uns im Außen gesagt oder vorgelebt wird, wirkt in uns weiter. So entstehen innere Stimmen, die bewachen, wer wir „sein dürfen“ und wer wir „nicht sein sollten“.

Diese Stimmen können uns antreiben oder bremsen. Manchmal beides gleichzeitig – das kann sich ziemlich blockiert anfühlen.

Warum lohnt es sich, mit Kritikern zu arbeiten?

Weil wir ihnen sonst ausgeliefert sind. Solange innere Kritik unbewusst wirkt, bestimmt sie unser Erleben, ohne dass wir es wirklich merken. Wir fühlen uns einfach schlecht – ohne zu verstehen, warum. Dazu kommt: Innere Kritiker machen sich nicht nur in unserem Innenleben bemerkbar. Sie beeinflussen auch unsere Beziehungen. Manchmal nehmen wir die Kritik in uns so wahr, als käme sie von einem anderen Menschen – obwohl dieser gar nichts Kritisches gemeint hat.

Bewusstheit ist deshalb der erste und wichtigste Schritt. Wenn ich weiß, dass da Kritiker wirken, kann ich mit ihnen umgehen. Ich bin ihnen dann nicht mehr einfach ausgeliefert.

Der erste Schritt: „Autsch!“ sagen

Bevor wir irgendetwas mit einem inneren Kritiker „machen“ können, müssen wir erstmal merken, dass er da ist. Und das klingt einfacher als es ist.

In der Prozessarbeit schauen wir dafür auf sogenannte Signale – wahrnehmbare Zeichen, dass innere Kritik gerade aktiv ist. Das können zum Beispiel sein: eine plötzliche Schwere oder Benommenheit, Unruhe, ein Gefühl von Unwohlsein oder Gedämpftheit, eine innere Stimme, die kommentiert oder bewertet. Diese Signale lassen sich wahrnehmen, ohne sie sofort zu bewerten. Sie sind einfach da – und sie sind wertvoll, weil sie uns zeigen: Hier passiert gerade etwas.

Ich erinnere mich an eine Situation in meiner Ausbildung. Ich saß in einer Gruppenübung, wusste nicht weiter und fühlte mich furchtbar. Eine Dozent*In kam vorbei und fragte, ob alles okay sei. Ich konnte in dem Moment sagen: „Ich glaube, ich brauche Hilfe.“ Schon das war ein wichtiger Schritt. Dann erzählte ich, was in mir vorging – Sätze wie „Ich kann das nicht“, „Das ist doch total dämlich, ich sollte das doch können.“

Die Reaktion der Dozent*In hat mich sehr berührt. Sie sagte: „Autsch! Das klingt ganz schön heftig. Wer sagt das in dir?“

Dieser eine Satz hat etwas verändert. Ich konnte plötzlich spüren, dass da ein Schmerz war – und gleichzeitig, dass dieser Schmerz von etwas kam, das nicht ich selbst war. Es gab einen Teil, der kritisiert wurde. Und einen anderen Teil, der kritisierte. Diese Unterscheidung, so einfach sie klingt, ist enorm entlastend.

Das „Autsch!“ – ob laut ausgesprochen oder innerlich – ist eine Einladung, den Schmerz anzuerkennen, ohne ihn sofort wegzumachen oder zu analysieren. Es ist ein erster Schritt heraus aus der Verschmelzung mit der Kritik und hin zu einer wichtigen Distanz.

Was du ausprobieren kannst

Das nächste Mal, wenn du merkst, dass du dich unwohl fühlst, gedämpft oder innerlich unruhig – halte kurz inne. Frag dich: Könnte das gerade innere Kritik sein? Und wenn ja: Erlaube dir ein innerliches „Autsch.“ Nicht als Selbstmitleid, sondern als Anerkennung: Hier tut etwas weh. Und das darf sein.

Das ist der Anfang.

Im nächsten Beitrag geht es darum, wie wir innere Kritiker sichtbar und hörbar machen können – und warum das so wirkungsvoll ist.

Danke für Dein Interesse und herzliche Grüße!

Isabell