Die Hausmaus, die nicht wusste, dass sie fliegen wollte
Es war einmal eine müde, traurige Hausmaus. Eigentlich betrachtete sie sich als Küchenmaus, aber sowas gibt es ja eigentlich nicht, oder?
Sie empfand ihr ganzes Leben als eine sich ewig wiederholende Kreisbahn, nicht sehr groß und nicht sehr weit. Futter finden, der Katze entkommen, das war es, was ihre Tage bestimmte.
Aber es gab auch eine Sehnsucht… wobei sie das zu dem Zeitpunkt, an dem unsere Geschichte beginnt, noch nicht, oder nicht mehr, wusste. In erster Linie war sie zunehmend trauriger geworden. Als sie jünger war, hatte sie sich ausgemalt, die ganze Welt zu entdecken und interessante Wesen und Welten kennenzulernen… ja, sie wollte eine Entdeckermaus sein. Kein Abenteuer wäre ihr zu groß oder zu gefährlich geworden, kein Berg zu wild, kein Ozean zu tief. Sie war sicher, das alles würde kommen, wenn sie denn mal groß wäre und genug könnte und wüsste um aufzubrechen. Bisher ist nichts davon eingetroffen, fand die Küchenmaus.
An einem kühlen Nachmittag im späten Frühling – sie war gerade aus der kleinen Lücke zwischen Backofen und Heizung hervorgekommen und schnupperte nach den Gerüchen des Tages, um festzustellen, was es zu finden gab und wie groß die Gefahr war – kam plötzlich wieder diese große Traurigkeit in ihr auf. Ihr Blick ging nach links, Richtung Fenster. Am Himmel zogen, durch den Fensterausschnitt, nur in einem spitzen Dreieck sichtbar, wilde Wolken vorbei, dunkelgrau, zerrissenes Weiß und kräftiges Blau faserten ineinander und auch ein Sonnenstrahl brach durch die Fensterscheibe und kitzelte die Maus an der Nase. Sie nieste und schüttelte sich. Doch als sie sich wieder ihrem eigentlichen Vorhaben, der Nahrungssuche, widmen wollte, merkte sie, dass sich etwas verändert hatte. Die Traurigkeit war einem kribbeligem Gefühl gewichen, das sie ganz und gar nicht einordnen konnte. Sie schaute sich vorsichtig um in der Befürchtung, die Katze könnte sich angeschlichen haben und säße jetzt schon gefräßig und listig über ihr, aber da war niemand. Nur sie selbst in der leeren Küche. Sie sah noch einmal zu dem Fensterausschnitt und ihr Herz hüpfte. Was war das? Sie wunderte sich. Etwas zog sie zum Fenster und ohne sich an eine Entscheidung oder ein klares Vorhaben zu erinnern, fand sich die Küchenmaus mit beiden Pfoten am Fenster, die Nase schon platt an der kühlen Scheibe, mit einem so kribbeligen und ja, war das ein freudiges? Gefühl oben auf dem Fensterbrett und schaute hypnotisiert den Wolken bei ihrem wilden Tanz über den Himmel zu.
Die Maus begann tatsächlich zu träumen, man stelle sich vor, am lichten Tag! Aber sie merkte es nicht einmal. Denn sie war schon hoch oben in den Wolken.
Sie spürte den Wind an ihren großen Ohren ziehen und konnte in dem kleinen, für eine Maus dann aber doch recht großen, Flugzeug nur gerade so den gefährlichsten Böen ausweichen. Ihr Ziel war Südpatatien. Dort gab es Vulkane und Urwald und Wüsten. Dort wollte sie hin. Urplötzlich wurde sie von einer so heftigen Böe erfasst, dass es sie aus dem Flugzeug hob. Sie spürte schon die Hitze des Vulkans, als ihr klar wurde, dass dieser einen äußerst unangenehmen Schwefelgeruch ausströmte… der eigentlich gar nicht nach Schwefel, sondern verdächtig nach Katzenatem roch!
Sie zappelte an der langen Kralle des getigerten Katers, der sich schon das Mäulchen leckte und mit seinen Katzenaugen ein klein wenig schielend, die vor seiner Nase baumelnde Maus fixierte.
Sie nahm all ihre Kraft und ihren Mut zusammen, denn ein Teil von ihr war ja noch mitten im Abenteuer, und rief so laut sie konnte: „Lass mich runter! Ich habe hier Wichtigeres zu tun, als mich von dir fressen zu lassen!“ Die Katze, zwar ein wenig überrascht von dem ungewöhnlichen Moment, fragte gedehnt: „Was denn, kleine Maus? Was solltest du zu tun haben, außer fressen und gefressen werden?“ Die Maus, alle Müdigkeit war verflogen, rief: „Ich bin auf dem Weg zu den Vulkanbergen im fernen Südpatatien zu den uralten Mäusevölkern, die dort eine alte und wunderbare Kultur pflegen. Seit Jahrhunderten hat sie niemand mehr gesehen, aber sie sind es, die ich finden will!“ Die Katz, verdutzt, starrte das Mäuschen skeptisch an, überlegte und warf sie nach oben, um noch ein wenig mit ihr zu spielen, bevor sie sie, wie immer, entkommen lassen würde. Denn sie würde das Mäuschen und ihre tägliche Jagd furchtbar missen, wenn sie es fressen würde. Und sie glaubte keine Sekunde, dass die kleine Hausmaus auf ein Abenteuer in einer fernen Gegend der Welt aus war.
Unsere Maus, wieder einmal im Angesicht des Todes, drehte sich blitzschnell in der Luft herum, um wenigstens noch ein letztes Mal den Himmel zu sehen. Der Schwung brachte sie allerdings in eine Schräglage, so dass sie, für die Katze und sich selbst völlig überraschend, durch die Luft wirbelte, um schließlich auf allen Vieren vor den Pfoten des Getigerten zu landen und pfeilschnell unter dem Katzenbauch zurück in ihr sicheres Mauseloch zu flitzen.
Ein paar Mäuselängen vom Eingang entfernt im Höhlengang blieb sie zitternd vor Aufregung und Adrenalin stehen, drehte sich um, schüttelte sich und machte sich auf den Rückweg in ihre Schlafkammer, die die Katze sicher nicht finden würde.
Für diesen Tag war ihr der Appetit vergangen. Sie kuschelte sich in ihren Bau, unter weiches trockenes Moos und zwischen flauschige Federn und Teppichhaare, und schlummerte ein bisschen hungrig und auch irgendwie zufrieden ein. Sie hatte einen wilden Traum gehabt und dem Kater war sie nicht nur entwischt, obwohl es diesmal wirklich knapp gewesen war, sondern hatte ihm sogar Widerworte gegeben.
Zerzaust und benommen wachte sie am nächsten Morgen auf und wusste gar nicht so recht, wo sie war. Sie zwinkerte mit den Augen, wackelte mit dem schnurrbärtigen Schnäutzchen und schüttelte den Kopf, dass ihre großen, weichen Ohren schlackerten. Dann wusste sie es wieder. Sie hatte einen Traum gehabt. Sie war unterwegs nach Südpatatien gewesen und die Katze hatte sie aufgehalten…. Moment – war das der Traum gewesen? Sie hatte doch die Vulkane und das alte Mäusevolk gesehen, oder nicht?
Sie machte sich an ihre Morgenroutine und kletterte dann Richtung Küche. Dort spitzte sie mit ihrem Näschen nach draußen. Die Luft war rein. Sie tippelte zum Vorratsschrank, fraß vor lauter Hunger schon direkt dort zwei ganze Kekse, was sie normalerweise nie tat, da das deutlich zu gefährlich war und fing an, alle Leckereien, die sie erreichen konnte, in ihren kleinen Mäusebeutel zu verstauen. Ihr müsst wissen, sie war tatsächlich keine normale Hausmaus, so wie wir sie hier vielleicht kennen. Nein, sie war mit einem Beutel ausgestattet. Einem Beutel am Bauch.
Sie packte ihr Beutelchen so voll wie es nur ging. Dann machte sie sich auf den Rückweg zu ihrer Höhle. Sie wollte die nächsten Tage ihre Ruhe haben und dem ollen Kater nicht mehr begegnen.
In ihrer Höhle angekommen, bemerkte sie etwas Ungewöhnliches. Es roch anders. Das passierte zwar manchmal, sehr selten allerdings und auch erst seit Kurzem, aber immer dann, wenn etwas durch das kleine Loch hoch oben im alten Baumstumpf fiel, der wie ein alter Hüter über ihrer Höhle thronte. Einst war er ein prächtiger Baum gewesen, bis er zu nah an die Hauswand des Menschenhauses gerückt war, jenes Haus, das ihr Sicherheit, Zuflucht und Futter gewährte. Der Baum wurde gefällt und seither gibt es den Stumpf.
Plötzlich hörte sie etwas, ihre Ohren strafften sich, was war das? Sie rief: „Komm raus!“ und zu ihrer eigenen, größten Überraschung stand im nächsten Moment tatsächlich ein kleines Wesen vor ihr. Es hatte, wie sie, vier Pfoten und zwei Ohren, aber es war kleiner als sie und hatte eine so ungewöhnliche Farbe, dass sie es kaum fassen konnte. Es war ein komplett blau behaartes Wesen, mit runder Schnauze und eckigen Ohren, nicht runden wie ihren eigenen. Beide schnupperten, beide wackelten mit den Ohren, blinzelten und bevor unsere Beutelmaus etwas sagen konnte, sprach der kleine Eindringling: „Du bist die Beutelmaus und du musst mir helfen. Oder sollte ich dir helfen? Wir müssen jedenfalls noch heute aufbrechen. Es ist ungemein wichtig! Wir müssen aufbrechen zu den Vulkanen nach Südpatatien!“ Träume ich noch?, dachte die Küchenmaus. Sie schüttelte nochmal den Kopf und kniff die Augen diesmal fester zusammen, aber als sie sie wieder öffnete, stand die kleine, blaue Maus noch immer vor ihr.
Sie dachte sich, der Einfachheit halber, es sei eine Maus, auch wenn sie eigentlich kein bisschen wie eine normale Maus roch oder aussah. „Was sagst du da? Woher weißt du von Südpatatien und warum willst du dort hin?“ fragte sie entgeistert. „Naja, ich habe dort Verwandte und sie brauchen unsere Hilfe.“ entgegnete das blaue Wesen trocken. „Und wie soll ich dir da helfen?“ „Na, du kannst doch fliegen. Laufen kann man dorthin nicht, dafür ist es viel zu weit. Los, los! Wir müssen schnell sein!“ versuchte die kleine blaue Maus sie zu scheuchen. „Aber wie soll das denn gehen? Wie kommst du darauf, dass ich fliegen könnte? Und warum hast du es so eilig?“ bremste sie die Beutelmaus. „Aber weißt du denn nicht, was du für eine Maus bist? Du bist doch eine Beutelmaus! Dein Beutel ist voll gepackt bis oben hin, bereit für die Reise!“ „Ja, eine Beutelmaus bin ich und von den Mäusevölkern in Südpatatien habe ich geträumt und würde nichts lieber tun, als sie zu besuchen und sie kennenzulernen. Auch die fliegenden Wolken liebe ich über alles, aber weder kann ich fliegen, noch möchte ich mein Zuhause verlassen!“ rief das Beutelmäuschen erschrocken. „Na, das wollen wir doch mal sehen.“ Versetzte die Blaue. „Ich hab dich gestern doch durchs Fenster gesehen, wie du der Katze vor der Nase davongeflogen bist! Komm mit, wir klettern auf dein Dach, dann wirst du es schon sehen.“ Sie drehte sich kichernd um und winkte unserer Hausmaus, ihr zu folgen. Diese blieb stocksteif stehen, dann schüttelte sie sich und folgte, ein bisschen über sich selbst verwundert, der Blaumaus, wie sie sie inzwischen für sich nannte, nach oben. Auf dem „Dach“ angekommen, dem drei Meter hohen Stumpf, bekam die Hausmaus es kurz doch nochmal mit der Angst zu tun. Für so kleine Mäuse ist das eine schwindelerregende Höhe. „So, Beutelmaus. Jetzt strecke mal deine Arme weit nach außen und atme ein. Genau! Machs mir nach. Dann halt die Luft an, mach den Mund und die Nase zu. Jetzt ausatmen, aber ohne auszuatmen, drück die Luft in deine Seiten. Und voilà! Da sind deine Flügel. Erzähl mir nicht, das wusstest du nicht!“ „Und erzähl mir nicht, du könntest nicht fliegen.“ Die Beutelmaus stand mit ausgebreiteten Armen da, schaute an sich hinunter, drehte sich nach rechts und links – sie hatte zwischen Vorder- und Hinterbeinen Flügel aufgespannt. Wie konnte das sein? War sie gestern wirklich geflogen? Da wurde ihr bewusst, was als nächstes kommen würde. Und prompt – ein Schubs von hinten – und die Beutelmaus flog. Erst mal einen halben Meter in die Tiefe und dann, als hätte sie nie etwas anderes getan, spannte sie ihre Flügel und segelte ein Stück, bis sie von einer kleinen Wehe ergriffen und schnell ein, zwei Meter nach oben getragen wurde. Es war fantastisch und furchteinflößend zugleich! Sie wendete den Kopf, um den Baumstumpf und die Blaumaus zu sehen. Diese sprang jubelnd auf und ab und winkte ihr zu. Es war viel einfacher als sie es sich je erträumt hätte, wäre sie auf so eine absurde Idee gekommen. Mit dem Drehen ihres Kopfes folgte ihr Körper und sie musste nicht denken oder steuern, sondern nur schauen, wo sie hinwollte, und dahin flog sie dann auch. Nach zwei Runden um den Stumpf setzte sie zur Landung an und kullerte einmal quer über die abgesägte Fläche, bis sie gerade noch an der Kante zum Liegen kam. Gut, dass der Beutel ein bisschen mit Käse gepolstert war.
„So, dann können wir ja gleich los!“ rief die Blaumaus und wollte ihrer überrumpelten Artgenossin auf den Rücken springen, als diese, noch ganz benommen von der ungeschickten Landung, zur Seite torkelte und die Blaumaus geradewegs über die Kante sprang. Vor lauter Schreck schaute die Beutelmaus ihr einen Moment verwundert nach, bis sie merkte, dass sie keine Wahl hatte, wenn sie sie nicht gleich, platt wie einen Haferkeks, vom Waldboden sammeln wollte. Und damit sprang unsere ängstliche und sicherheitsbedürftige Hausmaus zum zweiten Mal an diesem Vormittag in den Abgrund und pflückte ihre neue Freundin, gerade noch rechtzeitig vor einem unschönen Aufprall mit dem Waldboden, aus der Luft. Die beiden segelten hoch hinauf in die Baumkronen und es war das beste Gefühl, das die Beutelmaus je gehabt hatte.
Es war keine Frage. Sie würden nicht mehr umkehren. Sie würden weiterfliegen und Südpatatien und ihre Geschwister unterm Vulkan finden. Was war es eigentlich, warum sie da so dringend hin mussten? Dachte die Beutelmaus, die jetzt eigentlich eine Flugmaus war, und wollte ihre Passagierin fragen, die jedoch schlummerte schon gemütlich zwischen Käse und Zwieback.

