Innere Kritiker – vom Selbstzweifel zur inneren Stärke – Wer spricht da?

Den Kritiker sichtbar machen – Distanz durch Bewusstheit

Im ersten Beitrag habe ich geschrieben, wie wichtig es ist, innere Kritik  zu bemerken und mit einem innerlichen „Autsch!“ anzuerkennen, dass da gerade etwas wehtut. Heute geht es darum, den inneren Kritiker greifbarer zu machen und und dadurch ein Stück mehr Freiheit zu gewinnen. 

Signale wahrnehmen – in verschiedenen Kanälen

In der Prozessarbeit arbeiten wir mit Signalen. Das sind sinnesbasierte, wahrnehmbare Zeichen, dass in uns gerade etwas passiert. Sie tauchen in verschiedenen Sinnes-Kanälen auf.

Manche Menschen hören eine innere Stimme, die kommentiert, bewertet oder antreibt. Das ist der auditive Kanal. Dort sind Kritiker oft am lautesten. Andere spüren eher etwas im Körper: Eine plötzliche Schwere, Benommenheit, Unruhe oder Müdigkeit. Das sind Signale im körperlichen oder propriozeptiven Kanal und meist eine Reaktion auf Kritik, die wir noch nicht bewusst wahrnehmen. Und manchmal nehmen Kritiker eher visuell wahr, als Bild oder Figur.

Keiner dieser Kanäle ist besser als die anderen. Es geht darum, zu bemerken, auf welchem Weg sich die Kritik meldet. Denn wenn ich weiß, wie meine Kritiker kommunizieren, kann ich sie schneller erkennen und und früher reagieren.

Den Kritiker aus dem Nebel holen

Oft ist das Schwierigste an innerer Kritik, dass sie sich anfühlt wie Wirklichkeit. Die Gedanken sind nicht klar als „Kritik“ erkennbar, sie sind einfach da und vermischen sich mit unserem Erleben. Wir fühlen uns schlecht und wissen gar nicht genau warum. Der Teil, der kritisiert wird, und der Teil, der kritisiert, sind ineinander verwoben. Und genau das macht es so erschöpfend.

Ich erinnere mich an eine Zugreise, auf der ich mich zunehmend elend gefühlt habe. Die Gedanken kreisten, ich war gedämpft und unruhig – und ich wusste nicht wirklich, was los war. Zum Glück hatte ich Stift und Notizbuch dabei. Ich fing an aufzuschreiben, was die Stimmen sagten. Sätze wie: „Setz dich doch einfach weg, wenn dich was stört – oder schaffst du das nicht?“ Oder: „Jetzt ist das Seminar gerade rum und du hängst schon wieder so durch. Das wird ja nie besser.“

Sobald diese Sätze auf dem Papier standen, war etwas passiert. Der dämpfende Schleier hob sich. Ich konnte plötzlich sehen: Da ist grade ein Anteil aktiv der ziemlich unfreundlich zu mir ist. Ich konnte Mitgefühl mit mir haben. Und ich fühlte mich leichter.

Schreiben, zeichnen, benennen

Das Aufschreiben ist eine einfache, aber wirkungsvolle Methode. Wenn die innere Stimme Worte benutzt, schreib sie auf, so wie sie klingen und ohne sie zu interpretieren. Manchmal ist es erschreckend, wie hart diese Sätze sind, wenn man sie schwarz auf weiß vor sich sieht. Und genau dadurch schaffst du dir Raum das zu merken und bewusster zu reagieren. 

Wer eher visuell denkt oder fühlt, kann den Kritiker auch zeichnen. Wie sieht er aus? Wie steht er da? Welchen Ausdruck hat er oder sie? Es muss kein Kunstwerk sein, sonder eine schnelle Skizze für Dich reicht völlig. Manchmal entsteht dabei sogar ein leises Schmunzeln, weil der Kritiker auf einmal greifbar und vielleicht sogar ein bisschen absurd wirkt. 

Das Ziel ist in beiden Fällen dasselbe: Distanz schaffen. Nicht um die Kritik wegzumachen oder zu ignorieren, sondern um aus der Verschmelzung herauszukommen. Um wieder zwei Seiten sehen zu können, die Kritisierte und die Kritisierende. 

Was du ausprobieren kannst

Wenn du das nächste Mal merkst, dass du dich unwohl, gedämpft oder innerlich unruhig fühlst, nimm dir einen Stift und schreib auf, was die Stimme sagt. Genau so, wie du sie hörst. Lies es dann durch, als wärst du eine gute Freundin oder ein guter Freund, dem jemand diese Sätze sagt. Was würdest du denken? Was würdest du fühlen? Und wenn du eher der visuelle Typ bist, zeichne das innere Ungeheuer 😉

Oft reicht das schon, um den ersten Schritt aus der Kritik heraus zu machen und wieder mehr bei sich anzukommen.

Ich freu mich, dass Du hier bist!

Viele Grüße

Isabell

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