Jeder Mensch hat innere Kritiker. Das ist keine Schwäche – es ist schlicht menschlich. Manche Menschen bemerken sie deutlich, andere spüren sie eher als diffuses Unbehagen, ohne genau zu wissen, woher es kommt. In diesem Blogbeitrag möchte ich dir vorstellen, wie wir aus der Perspektive der Prozessarbeit mit innerer Kritik umgehen können – und warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen.
Was sind innere Kritiker eigentlich?
Innere Kritiker sind eigene innere Anteile. Sie entstehen durch das, was wir im Laufe unseres Lebens von außen aufnehmen: gesellschaftliche Normen, Werte, Erwartungen – aber auch ganz persönliche Erlebnisse aus Familie, Schule oder Beziehungen. Was uns im Außen gesagt oder vorgelebt wird, wirkt in uns weiter. So entstehen innere Stimmen, die bewachen, wer wir „sein dürfen“ und wer wir „nicht sein sollten“.
Diese Stimmen können uns antreiben oder bremsen. Manchmal beides gleichzeitig – das kann sich ziemlich blockiert anfühlen.
Warum lohnt es sich, mit Kritikern zu arbeiten?
Weil wir ihnen sonst ausgeliefert sind. Solange innere Kritik unbewusst wirkt, bestimmt sie unser Erleben, ohne dass wir es wirklich merken. Wir fühlen uns einfach schlecht – ohne zu verstehen, warum. Dazu kommt: Innere Kritiker machen sich nicht nur in unserem Innenleben bemerkbar. Sie beeinflussen auch unsere Beziehungen. Manchmal nehmen wir die Kritik in uns so wahr, als käme sie von einem anderen Menschen – obwohl dieser gar nichts Kritisches gemeint hat.
Bewusstheit ist deshalb der erste und wichtigste Schritt. Wenn ich weiß, dass da Kritiker wirken, kann ich mit ihnen umgehen. Ich bin ihnen dann nicht mehr einfach ausgeliefert.
Der erste Schritt: „Autsch!“ sagen
Bevor wir irgendetwas mit einem inneren Kritiker „machen“ können, müssen wir erstmal merken, dass er da ist. Und das klingt einfacher als es ist.
In der Prozessarbeit schauen wir dafür auf sogenannte Signale – wahrnehmbare Zeichen, dass innere Kritik gerade aktiv ist. Das können zum Beispiel sein: eine plötzliche Schwere oder Benommenheit, Unruhe, ein Gefühl von Unwohlsein oder Gedämpftheit, eine innere Stimme, die kommentiert oder bewertet. Diese Signale lassen sich wahrnehmen, ohne sie sofort zu bewerten. Sie sind einfach da – und sie sind wertvoll, weil sie uns zeigen: Hier passiert gerade etwas.
Ich erinnere mich an eine Situation in meiner Ausbildung. Ich saß in einer Gruppenübung, wusste nicht weiter und fühlte mich furchtbar. Eine Dozent*In kam vorbei und fragte, ob alles okay sei. Ich konnte in dem Moment sagen: „Ich glaube, ich brauche Hilfe.“ Schon das war ein wichtiger Schritt. Dann erzählte ich, was in mir vorging – Sätze wie „Ich kann das nicht“, „Das ist doch total dämlich, ich sollte das doch können.“
Die Reaktion der Dozentin hat mich sehr berührt. Sie sagte: „Autsch! Das klingt ganz schön heftig. Wer sagt das in dir?“
Dieser eine Satz hat etwas verändert. Ich konnte plötzlich spüren, dass da ein Schmerz war – und gleichzeitig, dass dieser Schmerz von etwas kam, das nicht ich selbst war. Es gab einen Teil, der kritisiert wurde. Und einen anderen Teil, der kritisierte. Diese Unterscheidung, so einfach sie klingt, ist enorm entlastend.
Das „Autsch!“ – ob laut ausgesprochen oder innerlich – ist eine Einladung, den Schmerz anzuerkennen, ohne ihn sofort wegzumachen oder zu analysieren. Es ist ein erster Schritt heraus aus der Verschmelzung mit der Kritik und hin zu einer wichtigen Distanz.
Was du ausprobieren kannst
Das nächste Mal, wenn du merkst, dass du dich unwohl fühlst, gedämpft oder innerlich unruhig – halte kurz inne. Frag dich: Könnte das gerade innere Kritik sein? Und wenn ja: Erlaube dir ein innerliches „Autsch.“ Nicht als Selbstmitleid, sondern als Anerkennung: Hier tut etwas weh. Und das darf sein.
Das ist der Anfang.
Im nächsten Beitrag geht es darum, wie wir innere Kritiker sichtbar und hörbar machen können – und warum das so wirkungsvoll ist.
Danke für Dein Interesse und herzliche Grüße!
Isabell
